Sein und Sollen des Menschen – Sammelband zu einem Eichstätter Symposion, vorgestellt und besprochen von Dr. Stefan Hartmann

 

 

In seinem aufsehenerregenden Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas im Januar 2004 an der Katholischen Akademie Bayern kam Joseph Kardinal Ratzinger auf das abendländische Naturrechtsdenken als mögliche vernünftige Vermittlungsinstanz zum säkularen Rechtsverständnis einer pluralistischen Gesellschaft zu sprechen, bemerkt aber sogleich, dass dieses Instrument „leider stumpf geworden“ sei: „Die Idee des Naturrechts setzte einen Begriff von Natur voraus, in dem Natur und Vernunft ineinander greifen, die Natur selbst vernünftig ist. Diese Sicht von Natur ist mit dem Sieg der Evolutionstheorie zu Bruche gegangen.“ Was vom Naturrecht allerdings unangefochten übrig geblieben ist, ist das auch von der Kirchenlehre mitgetragene Verständnis der Menschenrechte. Daher trug der damalige Präfekt der Glaubenskongregation kurz vor seiner Wahl zum Papst in einem Brief einigen theologischen Fakultäten und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt den Wunsch vor, „drängende Fragen bezüglich des Naturbegriffs bzw. des natürlichen Sittengesetzes zu vertiefen“. Es gehe darum, „in der gegenwärtigen Stunde der Geschichte einen gemeinsamen Nenner ethischer Prinzipien zu finden, die von allen angenommen werden, in der Natur des Menschen und der Gesellschaft verankert sind und wesentliche Kriterien bieten, um in Grundfragen bezüglich der Rechte und Pflichten des Menschen Gesetze erlassen zu können.“ Das Anliegen ist also nicht rein theoretisch, sondern hat einen eminent praktischen Bezug.

 

Die Eichstätter Theologische Fakultät hat dieser Bitte des jetzigen Papstes entsprochen und im Januar 2008 ein viel beachtetes internationales Symposion unter dem Thema „Sein und Sollen des Menschen“ abgehalten. Unter demselben Titel liegen nun die dort gehaltenen Vorträge in überarbeiteter Form, versehen mit einem ausführlichem Literaturverzeichnis und Register, in einem Sammelband vor, der von den drei Moderatoren des Symposions herausgegeben wurde.

 

Den ersten Teil bilden philosophische, ethische und politische Untersuchungen, die von Norbert Fischer eingeleitet werden. Dabei geht es nicht so sehr um das abstrakte „Sein-Sollen-Dilemma“ eines David Hume oder den so genannten naturalistischen Fehlschluss, die beide kategorisch die Ableitung eines Sollens aus dem Sein ablehnen, sondern um Beschreibungen der unter dem sittlichen Anruf stehenden menschlichen Freiheit bei Aristoteles, Cicero und Thomas (Friedo Ricken) oder im Utilitarismus John Stuart Mills (Maximilian Forschner). Fischer selbst, in Eichstätt Lehrstuhlinhaber für philosophische Grundfragen der Theologie, referiert als ausgewiesener Kant-Spezialist über „Sein und Sinn der menschlichen Freiheit in der Philosophie Kants“, wobei er neue Deutungen des oft übertriebenen Gegensatzes von Pflicht und Neigung beim Königsberger Philosophen vorlegt. Paolo Bavastro hinterfragt das „Hirntodkonzept“ und der ehemalige Justizminister und SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel nennt mit Blick auf seine Erfahrungen Achtung und Schutz der Menschenwürde als „zentrale Aufgabe der Politik“. Einen aufgrund der tragischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts unverzichtbaren Denker stellt Jakub Sirovátka vor: Emmanuel Levinas (1906-1995), den jüdisch-litauischen Philosophen, der die Menschenrechte als die Rechte des Anderen beschreibt und damit dem ethischen Sollen eine objektive Fundierung gibt. Im „Anderen“ und seinem um Bejahung ringenden „Antlitz“ sind Sein und Sollen bereits identisch - ein Gedanke, der auch von Papst Johannes Paul II., einem großen Verehrer Levinas’, und dessen Lubliner Schüler Tadeusz Styczen öfter aufgegriffen wurde.

 

Die fundamentaltheologisch ausgerichteten Untersuchungen präsentiert der Eichstätter Fundamentaltheologe Christoph Böttigheimer, der das Thema „Toleranz-Prinzip und universales Ethos“ in intensiver Auseinandersetzung mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Jürgen Habermas und Thomas von Aquin behandelt. Dabei zeigt er auch Gefahren und Grenzen des Toleranz-Prinzips zwischen Liberalismus und Fundamentalismus auf und betont, dass der Toleranz-Gedanke keineswegs relativistisch die Wahrheitsfrage ausklammert. Mehrere Aufsätze widmen sich dem Menschenrechts- und Naturverständnis in verschiedenen Weltreligionen, wobei besonders der Blick von Hans Waldenfels auf das asiatische Denken erwähnenswert ist. Tilman Nagel befasst sich mit dem Naturbegriff des Islam, Matthias Morgenstern erwägt eine Universalisierung talmudischer Ethik. Im Sinne des von Hans Küng formulierten „Projekt Weltethos“ bündelt Hermann Häring Möglichkeiten einer interkulturellen und interreligiösen Wertorientierung für ein universales Naturverständnis im Blick auf das Überleben der Menschheit.

Die sozialethische Relevanz naturrechtlicher Begründung der Menschenrechte untersucht im Vergleich mit anderen Ansätzen (K. R. Popper, H. Albert, J. Habermas)  der Utz-Schüler Peter Paul Müller-Schmid. Er plädiert der abendländischen Tradition entsprechend am deutlichsten von allen Referenten des Symposions für eine transzendent-metaphysische Verankerung der Menschenrechte als Schutz gegen ihre dezisionistische Relativierung im bioethischen Diskurs. Dabei orientiert er sich sowohl an dem Naturrechtsdenker Johannes Messner, als auch an dem Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff.

 

Der dritte Teil des Symposions und des Sammelbandes wird aus der Sicht theologischer Anthropologie vom Eichstätter Dogmatiker Manfred Gerwing vorgestellt. Immer schon ist der Mensch „von Gott her“ und „auf ihn hin“, gibt es ein „göttlich-freies Konzept vom Menschen“, wie der Untertitel des Bandes bekräftigt. Diese Freiheit ist paulinisch nach „Sklavenart“ gebunden, „entweder der Sünde zum Tod hin oder des Gehorsams zur Gerechtigkeit hin“ (Röm 6,16) – wie der Neutestamentler Lothar Wehr darlegt. Gerwing, der den Weg zur katholischen Dogmatik über die Mediävistik gegangen ist, schildert das komplex-komplizierte Menschenbild des Nikolaus von Kues, bei dem Schöpfungslehre, Christologie und Eschatologie eine ungetrennte Einheit bilden. Über den Mikrokosmos Mensch als Gottes Ebenbild führt der Gedankengang zur „Visio Dei“, wie die gleichnamige Schrift des Cusaners erläutert. Der einzelne und die vielen bilden aufgrund ihrer Communio-Natur erst zusammen den wirklichen Zugang zu einem Gott, der nicht nur trinitarisch in Beziehungen lebt. Dabei entdeckt Gerwing auch Nähen zur Existentialontologie Martin Heideggers, speziell zu dessen Brief über den Humanismus.  

Franz-Josef Bormann bemüht sich dann konkret um eine Reformulierung des naturrechtlichen Denkansatzes, der weitaus vielfältiger ist als der bloße Begriff „Naturrecht“ erahnen lässt. Er erwähnt die Krise um die Enzyklika „Humanae vitae“, die Moraltheologen wie G. Grisez und J. Finnis zu einer übersteigerten Naturrechtsvariante führten, um die umstrittenen Vorgaben des römischen Lehramtes einzuholen. Ausgehöhlt wurde dagegen das Naturrecht beim amerikanischen Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls, der in seinem politischen Liberalismus bis zu einem Plädoyer für die Fristenlösung in der Abtreibungsfrage ging. Sodann wird von Bormann die bleibende Bedeutung der aristotelisch-thomanischen Traditionslinie betont und ausgeführt. Diese führt zu global vermittelbaren Moralprinzipien, die die Würde und Selbstzwecklichkeit des Menschen achten und somit die Idee unveräußerlicher Menschenrechte stützen. Alois Halbmayrs anthropologischer Beitrag nennt sich provokativ „After Nature“ und befasst sich kritisch mit der neuen Heilsökonomie des Geldes und des Sportes. Nach etwas unorthodoxen Gedanken von Dieter Hattrup „zum neuen Verhältnis von Natur und Gnade“ aufgrund des zunehmenden Gewichts der Naturwissenschaften beschließt den Sammelband ein schon in Castelgandolfo vor dem Schülerkreis des Papstes vorgetragener Beitrag von Ulrich Lüke zum Streit zwischen Schöpfungstheologie und Evolutionsbiologie.

 

Für alle künftigen Erörterungen der Thematik um Sein und Sollen des Menschen und um die Begründung ethisch-rechtlicher Normen bietet der neue Eichstätter Sammelband solide und unverzichtbare Bausteine aus verschiedenen Perspektiven. Die Synthese der vorgelegten Aspekte harrt allerdings noch ihrer theoretisch zeitgemäßen und praktisch vermittelbaren Durchführung.

 

Christoph Böttigheimer, Norbert Fischer, Manfred Gerwing (Hgg), Sein und Sollen des Menschen. Zum göttlich-freien Konzept des Menschen, Verlag Aschendorff Münster 2009, 496 Seiten, 39,80 €

 

Rezension veröffentlicht in: Klerusblatt (München) 9/2009, 221f; Die Tagespost (Würzburg) vom 20. März 2010, 13