APOLOGIA  PRO  „NOVO“  ORDINE  MISSAE

 

"Neuen Wein muß man in neue Schläuche füllen. Und niemand der alten Wein getrunken hat, will neuen; denn er sagt: Der alte Wein ist besser" (Lk 5,38)

 

 

Seit einiger Zeit wird kirchenintern ein heftiger Disput ausgetragen um die nunmehr zwei Formen des einen römischen Messritus. Die „Alte Messe“ ist freilich keine alte Messe, genausowenig wie der „Novus Ordo Missae“ eine neue Messe oder neue Ordnung nach Art einer liturgischen Revolution sein will. Im disputa-Beitrag „Nostalgie oder Avantgarde“ (Vatican-magazin 12/2008) des Aachener Pfarrers Dr. Guido Rodheudt wird dazu nicht nur eine Lanze gebrochen für die durch das päpstliche Motu proprio Summorum Pontificum (SP) vom 7. Juli 2007 als außerordentliche Form des einen (!) lateinischen Ritus wieder eingeführte Feier des Messopfers nach den zuletzt vom seligen Papst Johannes XXIII. promulgierten Messbüchern von 1962, sondern zugleich der von Papst Paul VI. 1970 nach den Reformwünschen des II. Vaticanums promulgierte „Novus“ Ordo Missae mit seinen praktischen Auswirkungen einer generellen und teilweise vernichtenden Kritik unterzogen, obwohl er von Papst Benedikt XVI. ausdrücklich als „ordentliche Ausdrucksform der ‚Lex orandi’ der katholischen Kirche des lateinischen Ritus“ (SP, Art. 1) bezeichnet wurde. Dabei fällt auf, dass der Kritiker keine systematisch-theologisch oder liturgiewissenschaftlich abgesicherten Argumente anführt, sondern primär Geschmacksfragen und offensichtliche Eigenmächtigkeiten aufgreift. Über Geschmack lässt sich leidlich streiten. Hier soll nun versucht werden, den liturgischen Disput auch vor das pastorale und theologische Gewissen zu tragen.

 

Gerne sei Rodheudt zunächst zugestanden, dass es irreführend ist, von einer „alten“ oder von einer „tridentinischen“ Messe zu sprechen (vgl. dazu: Michael Kunzler, Die „Tridentinische“ Messe. Aufbruch oder Rückschritt?, Paderborn 2008), doch ist es dann äußerst ungerecht und einseitig, wenn dem nach dem II. Vaticanum erneuerten Ritus nur noch negative, banalisierende und profanierende Folgen zugeschrieben werden. Leider hat es in Missachtung der liturgischen Richtlinien tatsächlich oft schlimme und geschmacklose Entgleisungen gegeben. Das gab es im älteren Ritus auch schon, wenn etwa während der hastig abgeleierten Zelebration geschnäuzt, mit Ministranten geschimpft oder sogar ausgespuckt wurde. Einzelne ärgerliche Missbräuche, törichte Subjektivismen und Fehlentwicklungen können aber nicht ein lange aus der Überlieferung organisch gewachsenes liturgisches Gefüge derart in Frage stellen, dass dann allein die Notbremse einer „Avantgarde der Tradition“ (Martin Mosebach) Form und Würde der Liturgie wiederherstellen kann. Schließlich standen hinter der aus dem Benediktinertum erwachsenen internationalen liturgischen Bewegung auch die gerade in deutschen Landen klangvollen und keineswegs überholten Namen eines Romano Guardini, Josef Andreas Jungmann SJ, Joseph Pascher, Johannes Pinsk, Pius Parsch oder Balthasar Fischer. Diese Geschichte ist kaum jemand so bekannt wie dem amtierenden Heiligen Vater, der Ende 2003 in Trier beim 40-jährigen Jubiläum der Liturgiekonstitution des II. Vaticanums auf die Vereinigung der verschiedenen „Ströme“ zu sprechen kam. Um der Einheit und Vielfalt in der Kirche willen wurde nun auch ein zu früh ausgegrenzter „alter Strom“ von Papst Benedikt XVI. probeweise wieder eingeführt und kann nach seinem Wunsch in einem konstruktivem Umfeld zur gegenseitigen geistlichen Befruchtung und Vertiefung beitragen.

 

Bevor sich nun zuerst den drei konkreten Hauptanklagepunkten Rodheudts gewidmet wird, sei seine Vermutung zurückgewiesen, dass es dem Papst in seinem Eingriff vom Juli 2007 um die „Wiederherstellung des christlichen Kultmysteriums, das zwischenzeitlich verloren gegangen war,“ ging. Denn diese Rettungsaktion gegen einen steril-geistlosen Messrubrizismus geschah ja bereits ausdrücklich – unter anderem in Anknüpfung an die vom Papst trotz mancher Bedenken als „vielleicht fruchtbarste theologische Idee unseres (20.) Jahrhunderts“ (JRGS 11, Seite 197) geschätzte (und von der schismatischen Priesterbruderschaft Pius X. heftig abgelehnte) Mysterientheologie des Maria Laacher Benediktiners Odo Casel (1886-1948) – in der Liturgiekonstitution des II. Vaticanums, in der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (2003) Papst Johannes Pauls II. und zuletzt kurz vor Summorum Pontificum im apostolischen Schreiben Sacramentum caritatis (2007) über die Eucharistie. Wenn es eine über den innerkirchlichen Aspekt des Brückenbaus für Anhänger der alten Form hinausgehende Absicht des Papstes gab, wird sie wohl eher in der Erinnerung an die grundsätzliche Funktion des Rituellen liegen – wie etwa in einem zu dessen 75. Geburtstag gewidmeten Aufsatz von Robert Spaemann dargelegt wurde (Ritual und Ethos, in: „Sinn und Form“ 2002, 310-324).

 

Nun aber zu dem, wo nach Rodheudt „der Hund begraben ist“ und angeblich die unheilvollen Schwächen der „Neuen Messe“ (die es ja - wie bereits betont wurde –genausowenig gibt wie eine „alte“) liegen sollen. Er nennt konkret folgende drei Punkte: „der faktische Verlust der Gottbezogenen Zelebrationsrichtung, die Handkommunion und das Aussterben der Kultsprache, die einen unvergleichlichen Einheits- und Identitätsverlust der ältesten globalen Organisation der Welt riskiert hat“ (Vatican-magazin 12/08, Seite 46).

Nur dem letzten Punkt kann teilweise zugestimmt werden, die beiden anderen Punkte sind in seinen Ausführungen mit einer polemischen Einseitigkeit behandelt worden, die aus pastoraler und theologischer Sicht deutlichen Widerspruch verdient. Denken wir nur an den inzwischen oft vergessenen Grundsatz Josef Andreas Jungmanns: „Die lebendig gefeierte Liturgie ist durch Jahrhunderte die wichtigste Form der Seelsorge gewesen“ (Liturgisches Erbe, München 1960, Seite 493). Oder wie es in des Synodalstatuten des Bistums Trier heißt: "Alle Seelsorge muss vom Altare ausgehen und zum Altare hinführen" (Nr. 52,2). Wie kann dann ein Satz fallen, dass am Volksaltar „Zelebranten in ihr Publikum grinsen“ und andächtige Kinder sich nicht etwa beim Vater-unser-Gebet um den Altar stellen dürfen? Wenn ein einzelner Zelebrant sich als „Kasper“ aufführt, kann dies doch nicht den Ritus insgesamt in Frage stellen. Sicher ist Papst Benedikt XVI. jemand, der die Zelebration nach Osten (versus orientem) oder zu einem Kreuz als „innerem Osten“ hin (versus crucem) begrüßt, aber er hat im Vorwort zur neuen Edition seiner liturgischen Schriften die Frage der Zelebrationsrichtung ausdrücklich zu einem Nebenthema erklärt (JRGS 11, Seite 6 und 7) und zur Vermeidung von Missverständnissen sogar an die Streichung entsprechender Passagen aus seinem Buch „Der Geist der Liturgie“ gedacht. Wenn ein Priester am Volksaltar (meinetwegen versus populum) die Eucharistie feiert, dann schaut er (wenn die Augen nicht betend geschlossen sind) ins Messbuch, auf die eucharistischen Gestalten oder auf das auf dem Altar liegende Kreuz, aber doch nie in die Gesichter der in der Regel kniend betenden Gemeinde. Ist es denn so verwerflich, die Feier der Eucharistie wie im Abendmahlsaal und in vielen Deutungen der christlichen Kunstgeschichte im Bild eines Kreises zu sehen? Ist es nicht auch „katholischer“ und damit „umfassender“, den Möglichkeiten der Zelebrationsrichtung ein „sowohl als auch“ statt ein „entweder-oder“ zuzugestehen? Und wenn die wahren Anbeter Gott im Geist und in der Wahrheit und nicht auf einem bestimmten Berg oder in eine bestimmte Himmelsrichtung hin anbeten (vgl. Joh 21, 21-24), was ist dann in Wahrheit „Gottbezogene Zelebrationsrichtung“? In den allermeisten Gemeinden geschieht die Messzelebration am Volksaltar doch in Würde und Ehrfurcht, ohne eitle Selbstdarstellung, die es ja auch im außerordentlichen Ritus geben kann. Und sie berücksichtigt zudem Seelsorge und Kerygma, um der Häresie und abstoßenden Kälte eines liturgischen Formalismus zu entgehen. Nur wenn auch ihr glühender Inhalt spürbar wird, kann geordnete Liturgie das christliche Licht wirklich weitergeben und bezeugen.

Noch bedenklicher erscheint mir Rodheudts pauschale Abqualifikation der von der Kirche gestatteten Handkommunion. Kommunikanten in den allermeisten Gemeinden praktizieren ehrfürchtig und gesammelt diese Art des Kommunionempfangs und nur in seltenen Ausnahmefällen wird „der Leib des Herrn auf eine Weise in die Hand gedrückt, die jeder rheinische Karnevalsorden sich verbitten würde“. Hier werden verletzende, übertriebene und theologisch ungedeckte Äußerungen gemacht, die nicht dazu geneigt sind, der Ehre Gottes und der Anbetung des Heiligen einen Dienst zu erweisen. Es ist wenig christlich und zumal unpaulinisch, jemand aufgrund eines äußerlichen Verhaltens (wie etwa Speiseverzicht oder Beschneidung) richtend einzuordnen. Es ist pharisäisch, wenn sich die beiden erlaubten Formen des Kommunionempfangs als die jeweils höherstehende voneinander abgrenzen. Der bekannte Trierer Liturgiker Balthasar Fischer sprach immer davon, dass die Hand beim Empfang der Hostie einen Thron für den sich schenkenden König formt.

Wenn Rodheudt schließlich die „alte“ heilige Messe und die lateinische Kultsprache gar unter die „letzten Reservate des Numinosen“ zählt, dann besteht sogar die Gefahr des Esoterischen oder Hermetischen. Es ist sehr wohl möglich, auch in deutscher Sprache und mit neuerer Musik (etwa aus Taizé, das dem Lateinischen gegenüber sehr aufgeschlossen ist) eine Atmosphäre des Sakralen und seiner „realen Gegenwart“ (George Steiner) spürbar zu machen. Und lateinische Ordinarien ermöglicht ja auch die erneuerte ordentliche Form. Unter den einfachen (nichtakademischen) Katholiken sind es aber gerade ältere, die immer noch die Einführung der Muttersprache als großes Geschenk des nun leichter möglichen Mitbetens empfinden.

 

Hauptargument dieser Apologia pro „novo“ Ordine Missae ist aber – und dies sei in einer von ansprechenden Bildern geprägten Zeitschrift gestattet – ein ästhetisches. Als 1955 Kunstbeauftragte des Erzbistums Paderborn die vom großen Architekten Le Corbusier gebaute Marienkirche von Ronchamp beurteilen wollten, stellten sie „mit Besorgnis fest, dass diese Kirche ein nicht zu überbietendes Beispiel von Neuerungssucht, Willkür und Unordnung ist und den sakralen Charakter völlig vermissen“ lasse. So ähnlich banausenhaft kommt manche Kritik am Messbuch des kunstsinnigen Papstes Paul VI. daher. Es könnte peinlich ausgehen, wenn der neue „Glanz edler Einfachheit“ (Liturgiekonstitution Nr. 34), die nur scheinbar „avantgardistische“ Liebe zur vorkonziliaren Liturgie plötzlich überstrahlt.

 

Der „Novus“ Ordo Missae war die Liturgie eines Papstes Johannes Paul II. und konnte sich, auch in der Inszenierung für eine weltweite und multikulturell geprägte Kirche durch den „alten“ Marini, ästhetisch „sehen“ lassen. Er verlangt Treue und Gehorsam genau wie alle andere Riten, aber er ermöglicht eine größere Freiheit in der Wahl der Gebete und in der Einbindung von Laien. Dadurch ist sein Anspruch an Glaubwürdigkeit und „Authentizität“ (man verzeihe dieses Modewort!) für den Zelebranten höher und verlangt stärker eine wirkliche „ars celebrandi“. Leider wird durch die Praxis der Konzelebration dieser Aspekt wieder verdunkelt (worauf der bekannte Freiburger Theologe Gisbert Greshake mehrfach hinwies). Der liturgisch sensible Grazer Bischof Egon Kapellari hat diese „ars celebrandi“ oft hervorgehoben und in seinem an Guardini anknüpfenden mehrfach aufgelegtem Buch „Heilige Zeichen in Liturgie und Alltag“ dafür die nötigen Konstanten und Symbole zu geistlichem Leben erweckt. Die nach dem Vaticanum II. erneuerte Liturgie wurde weltweit in ihrer unverfälschten Feier als Bezeugung und Vergegenwärtigung des Heiligen in moderner und von der Realität der Medien bestimmten Zeit wahrgenommen. Dies trifft für große Papstgottesdienste oder Weltjugendtage genauso zu wie für einfache Gemeinde- oder Gruppenmessen. Die neue Leseordnung mit den Jahren A / B / C hat sich insgesamt bewährt und zu für den Prediger und die Hörer hilfreichen Kommentaren großer Theologen von Hans Urs von Balthasar bis Klaus Berger geführt. Auf diese erneuerte Form bezieht sich auch die von Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal ins Gespräch gebrachte „Reform der Reform“, die einer „ecclesia semper reformanda“ gut ansteht. Deshalb ist es auch sinnvoll, wenn über den rechten Ort für den Friedensgruß oder die Übersetzung der Wandlungsworte nachgedacht und diskutiert wird, aber auch Änderungen des „alten“ Ritus erwogen oder – wie in den leider umstrittenen Karfreitagsfürbitten – bereits vorgenommen wurden. In einem Gespräch aus dem Jahr 1977 bemerkte Kardinal Ratzinger zur erneuerten Liturgie: „Das Konzil hat nichts Neues zu Glaubendes geschaffen oder gar an die Stelle des Alten gesetzt. Es gehört zum Grundtypus seiner Aussagen, dass es sich als Fortführung und Vertiefung der bisherigen Konzilien versteht, besonders derjenigen von Trient und des ersten Vatikanischen Konzils. Es geht einzig darum, denselben Glauben unter geänderten Bedingungen möglich zu halten und neu lebendig werden zu lassen. Demgemäß hat die liturgische Reform versucht, den Ausdruck des Glaubens durchsichtiger zu machen, aber sie wollte Ausdruck des einen Glaubens und nicht dessen sachliche Veränderung sein“ (zitiert nach: Michael Schneider, Zur Beurteilung der Liturgiereform und der Tridentinischen Messe im theologischen Werk Joseph Ratzingers, Köln 2007, Seite 72).

 

Liturgische Zukunft des Christentums (auch im Sinne der Absichten des Heiligen Vaters) besteht in der geordneten Vielfalt der anerkannten Riten. Für den lateinisch-römischen Bereich mit dem in aller Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit agierenden Papsttum würde dies ein wohlwollendes und unpolemisches gegenseitiges Geltenlassen der beiden Formen des einen römischen Ritus bedeuten: ut in omnibus glorificetur Deus! Da die Mission der Christen untrennbar mit der Eucharistie verbunden ist, muss die liturgische Vielfalt auch eine öffentliche Mitte und Spitze haben, in der das „für alle“ des christlichen Heilsangebots auch „für alle“ als Licht wahrnehmbar ist. Nur so kann es zu seiner Annahme (bei vielen) oder auch zur tragisch-boshaften Ablehnung (bei hoffentlich nur wenigen) kommen. Genau dieses „für alle“ betonten die eindringlichen Worte der letzten Weihnachtsbotschaft „Urbi et Orbi“ Papst Benedikts XVI., der liturgisch, theologisch, pastoral und kerygmatisch dafür der erste Zeuge ist: wie Paulus, dessen Gedenkjahr er ausrief, „ein Schauspiel geworden für die Welt, für Engel und Menschen“(1 Kor 4,9). Es ist einzigartig, dass ein Inhaber des Petrusamtes diesen Zusammenhang nicht nur wie seine Vorgänger aktuell darlebt, sondern in dichter theologischer Reflexion sich gleichsam selbst vorgegeben hat (im Aufsatz „Eucharistie und Mission“, in: JRGS 11, Seiten 397 bis 423). So ist wohl auch die erneuerte Liturgie stärker missionarisch-zentrifugal und damit dem Wesen des Christentums entsprechender als eine mehr nach innen gerichtete traditionsgebunden-zentripetale Form, die eher dem jüdischen Religionsverständnis korrespondiert. Aber vielleicht ist gerade dieser scheinbare Gegensatz auch ein Punkt, sich im liturgischen Gebet zu begegnen und zu ergänzen: denn die letztlich einzige Mission und das die Jahrhunderte überdauernde Herz der Kirche ist die Liebe – wie die heilige Kirchenlehrerin Thérèse de Lisieux, auch als Patronin der Mission, eindrucksvoll betont hat.

 

 

Abkürzung:

JRGS = Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften (hrsg. von Gerhard Ludwig Müller), Freiburg i. Br. 2008ff

 

(veröffentlicht in "Vatican-Magazin" 2/2009, hier Originalversion)

 

 

 

Vgl. ergänzend: E. Nordhofen (Hg.), Tridentinische Messe - ein Streitfall. Reaktionen auf das Motu proprio "Summorum Pontificum" Benedikts XVI. Arnold Angenendt, Daniel Deckers, Albert Gerhards, Martin Mosebach und Robert Spaemann im Gespräch, Kevelaer (Butzon & Bercker) 2. Auflage 2009